Die "Carnatic"

das auf der Seite liegende Heck Im Inneren des HecksDie "Carnatic" ist nicht nur das derzeit älteste für Sporttaucher erreichbare Wrack des Roten Meeres, sondern ohne Zweifel eines der schönsten. Das 1862 in England vom Stapel gelaufene, 100 Meter lange Schiff markiert den Übergang von der Besegelung zum Dampfschiff. Trotz einer starken Dampfmaschine bekam es zwei Masten für eine Hilfsbesegelung. Literarische Berühmtheit hat der Schiffsname durch Jules Vernes Roman "In 80 Tagen um die Welt" bekommen. Hier reisen Phileas Fogg und sein Diener Passepartout mit einer "Carnatic" von Hongkong nach Yokohama, allerdings ohne Schiffbruch zu erleiden. Als Dampfschiff war die "Carnatic" unabhängiger von Wetter und Wind, konnte Fahrpläne besser einhalten als ein Segler und eignete sich deshalb besonders für den Linienverkehr. Bis zu ihrem vorzeitigen Ende pendelte sie deshalb für die berühmte Reederei P&O (Peninsular & Oriental Steam Navigation Company) zwischen Suez und Bombay bzw. China. Da es zu diesem Zeitpunkt den Suezkanal noch nicht gab - er wurde zwei Monate nach dem Untergang der "Carnatic" eingeweiht -, gingen Reisende und Waren nach Indien und Fernost in Port Said von Bord, reisten mit Kamelkarawanen über Land nach Suez und von dort wieder per Schiff weiter.

hier brach das Schiff auseinanderAm 12. September 1869 begann die "Carnatic" mit 27 Besatzungsmitgliedern, 203 Passagieren sowie einer unter anderem aus Wein- und Mineralwasserflaschen, Baumwolle, Kupferbarren und ungeprägten Rohlingen für Goldmünzen im damaligen Wert von 40.000 Pfund bestehenden Ladung ihre letzte Reise von Suez nach Bombay. Doch die Fahrt endete bereits am frühen Morgen des 13. September, inals das mit voller Kraft laufende Schiff auf das Riff Shab Abu Nuhas auflief. Bei glatter See und mondloser Nacht waren die Korallen nicht auszumachen gewesen. Der Aufprall war so stark, dass die "Carnatic" auf dem Riffdach liegen blieb. Als Grund für das Unglück nahm man später an, dass Strömungen das Schiff von seinem Kurs abgebracht hatten - das zumindest war die Erklärung des Kapitäns, dem man bei der Untersuchung eine Vernachlässigung seiner Pflichten vorwarf.

die dicht bewachsene Schraube Sofort begann die Besatzung mit Bemühungen zur Rettung des Schiffes, unter anderem, in dem man Teile der Ladung, vor allem die schweren Kupferbarren und die Baumwolle, über Bord warf. Die Passagiere blieben an Bord, da man den Zustand der "Carnatic" für stabil hielt. Dies sollte sich als verhängnisvoller Fehler erweisen. Zunehmender Wind und Wellengang beschädigen das Schiff weiter und ließen es langsam volllaufen. Schließlich war die Lage so bedrohlich, dass am Morgen des zweiten Tages die Evakuierung notwendig wurde. Als gerade einige Rettungsboote abgelegt hatten, brach das Schiff in der Mitte auseinander und sank neben dem Riff. Die an Bord zurückgelassenen Menschen wurden ins Wasser geschleudert oder mit dem Schiff in die Tiefe gerissen. 16 Passagiere und 11 Besatzungsmitglieder ertranken. Überlebende retteten sich auf das Riff, wo das Wasser nur etwa knietief stand, und auf den aus dem Wasser ragenden Fockmast des Schiffs. Unter großen Mühen brachten die Rettungsboote die Schiffbrüchigen auf die nahe gelegene Insel Shadwan. Mit Hilfe von angezündeten Baumwollballen aus der Ladung gelang es bald, den P&O-Dampfer "Sumatra" zu alarmieren, der die Überlebenden an Bord nahm.

Blick entlang der Reling Um den Goldschatz an Bord der "Carnatic" zu retten, beauftragte die Versicherung Lloyd's - bei der die Ladung versichert gewesen war - ein einen Bergungsspezialisten mit der Bergung der Wertsachen. Da das Schiff nur 18 Meter tief lag, konnten der Helmtaucher es problemlos erreichen und nach sehr mühevollen Arbeiten im Inneren des Wracks Postsäcke sowie die komplette Ladung an Goldmünzen bergen. Es wird zwar erzählt, dass 8.000 Pfund Sterling nicht geborgen worden seien, doch das stimmt offenbar nicht. Dem britischen Wrackexperten Ned Middleton zufolge, der die Unterlagen bei Lloyd's eingesehen blieb nichts zurück - weder Gold noch Kupfer. Die "Carnatic" ist also leider kein Schatzschiff. Sie wäre es heute auch ohnehin nicht mehr: Die Münzen wären mit Sicherheit längst gefunden worden und in den Taschen der zahllosen Souvenirjäger verschwunden, die inzwischen so ziemlich alles mitgenommen haben, was nicht niet- und nagelfest ist. Viele der Kupferbarren - die meisten waren ja über Bord geworfen worden und lagen außerhalb des Rumpfs - brachten einheimische Apnoetaucher nach oben. Hierbei tauchten sie mit einem Seil bis zum 18 bis 20 Meter tiefen Grund, packten einen der Barren und ließen sich mit dem Seil wieder hochziehen. Angesichts der Tiefe und des Gewichts der Kupferbrocken ist das eine beachtliche Leistung. Sicher stammt der Name des Riffs Shab Abu Nuhas, der auf deutsch "Vater des Kupfers" bedeutet, von dieser Bergungsaktion. Kurz nach deren Ende rutschte das Wrack an der Riffschräge herunter und nahm seine endgültige Position in 25 bis 27 Meter Tiefe ein. Interessanterweise kamen die beiden Wrackteile so zu liegen, dass

Abbruchstelle im GegenlichtDichter Bewuchs auf den WrackteilenDas Wrack wurde 1984 wieder entdeckt und ist seitdem ein beliebtes Ziel für die Tauchboote aus Hurghada. Wegen der vielen Flaschen in den Laderäumen - die heute natürlich fast komplett verschwunden sind - nannte man das Schiff, bevor es identifiziert wurde, das "Flaschenwrack". Die ersten Taucher fanden an Bord noch Knochenreste von Opfern des Untergangs, die von den Bergungstauchern offenbar nicht gefunden worden sind. Die "Carnatic" liegt am Sockel des Riffs parallel zur Riffwand in einer Tiefe von 25 Metern mit einer Schräglage von etwa 60 Grad dauf der Backbordseite. In der Mitte ist das Schiff stark zerstört; zwischen den Trümmern sind die Reste der Dampfmaschine auszumachen. Bug- und Heckteil sind gut erhalten. Die Holzdecks sind längst verschwunden, so daß man gefahrlos in das Innere eindringen kann. Das ist ein Erlebnis, dass man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte, da das Spiel von Licht und Schatten und das von aussen zwischen den Stahlträgern des Decks hereinströmende blaue Licht phantastische Eindrücke vermitteln, die an eine gotische Kathedrale erinnern. Der Rumpf ist dicht mit Stein- und Lederkorallen bewachsen und bietet zahllosen Fischen eine Heimstatt. Besonders schön ist das Heck mit der für frühe Dampfschiffe typischen Schraube mit ihren langen schmalen Blättern und einer Heckgalerie aus großen Fenstern, das an ein Segelschiff des 18. Jahrhunderts erinnert. Hier dinierten einst die Passagiere der 1. Klasse.

Bug mit Bugspriet Dichter Bewuchs auf den Wrackteilen Von allen Wracks, die ich betaucht habe, entspricht dieses Schiff am ehesten meinen Jugendphantasien von gesunkenen Schatzschiffen. Nur die Kisten voller Gold sind hier wohl nicht mehr zu holen, allenfalls im unteren Bereich unzählige Scherben von Wein-, Soda- und Champagnerflaschen. Man kann sich kaum mehr vom Herumstöbern zwischen den dick bewachsenen Deckträgern und den tieferen, dunkleren Winkeln des Schiffs losreißen. Auffällig ist auch der dick mit Steinkorallen überkrustete, weit vorspringende Bug mit seinem "Geisterschiff"-Flair. Schwimmt man entlang des Decks, kommt man an den Davits für die Rettungsboote vorbei, die dick mit Weichkorallen bewachsen sind.

Noch als Wrack ist die "Carnatic" ein wunderschönes Schiff und ganz anders als die unspektakulären Frachter-"Arbeitstiere", die ihr Schicksal am Shab Abu Nuhas teilen. Mit ihren eleganten Formen, die an die Glanzzeit des Segelschiffbaus erinnern, und ihrem reichen maritimen Leben bietet die "alte Dame" einen Eindruck, den man nicht vergisst.


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