Die "Duchess of York" oder "Sakarya"

Diesen Spalt riss wahrscheinlich der Rumpf eines Schiffes in das Riff Etwa drei Seemeilen vor Kalkan an der türkischen Südküste liegt vor dem Kap von Ince Burun ein Riff, dass wohl ein klassisches Beispiel für eine "Schiffsfalle" darstellt. Der türkische Name ist mir nicht bekannt und auch auf den Seekarten nicht verzeichnet, in der englischen Tauchzeitschrift "Diver" wurde ihm der passende Name "Wreckers Reef" (Abwracker-Riff) verliehen. Es steigt aus relativ tiefem Wasser bis auf drei Meter auf (laut Seekarte sind es acht Meter) und liegt so weit vor der Küste, dass man an dieser Stelle nicht mehr mit einem Riff rechnet und glaubt, einen sicheren Abstand zu deren Felsschrunden zu haben. Die Wrackreste im Flachwasser, wahrscheinlich der Im Lauf der Jahrtausende ist es sicher zahlreichen Schiffen zum Verhängnis geworden. Deshalb ist es nicht so einfach, festzustellen, was für ein Wrack man dort eigentlich betaucht. Der schön bewachsene Grat des Riffs, der sich etwa in nordsüdlicher Richtung erstreckt, ist mit rostigen Wrackteilen übersät, und an der steil abfallenden östlichen Seite finden sich in 15-20 m zahlreiche Amphorenscherben. Auf der flacheren westlichen Seite liegen in 27 m die zerschmetterten Reste eines Dampfschiffs. Sie wurden bereits in den 1950er Jahren von Schwammtauchern entdeckt. Amphorenreste in der Riffwand Der Tauchlehrer Fatih Tunali fand 1994 einen über 90 Jahre alten Einwohner, der sich daran erinnerte, als Kind während eines Sturms einen Lichtblitz und eine ohrenbetäubende Explosion gehört zu haben - wahrscheinlich eine Kesselexplosion. Das Unglück soll sich etwa 1916 und drei Meilen vor der Küste, also am Ort des Riffs, zugetragen haben. Die Leichen einiger Besatzungsmitglieder wurden an Land gespült und dort bestattet. Überlebende hat es höchstwahrscheinlich keine gegeben. Tunali kam zur Überzeugung, nur den hinteren Teil eines Wracks vor sich zu haben. Bei einer Untersuchung des Riffs fand er eine Kerbe, die von einem schweren Schiffsrumpf hineingerissen worden sein könnte. Er folgte der Richtung dieses Risses und stieß auf den vorderen Teil eines Wracks. Dieses besser erhaltene, auf der Seite liegende Schiffsteil erreicht an seiner höchsten Stelle bis 43 m und liegt in maximal 70 m, also weit jenseits der Grenze für sicheres Tauchen mit Druckluft. Tunali fand neben dem Wrack eine Schiffsglocke mit der Aufschrift "Duchess of York - Hull 1893".

Dunkel hebt 
sich das Wrack aus dem Blauwasser ab - Blick auf die Bruchstelle Eine Zeitlang ging man davon aus, dass es sich um ein Wrack handelt, dessen Heck im flacheren, der Bug im tieferen Bereich auf der anderen Seite des Riffes liegt. Mit Hilfe von Unterlagen der Versicherung Lloyd's of London konnte die "Duchess of York" als zweimastiges Segelschiff mit Hilfsmotor identifiziert werden, dass angeblich im Ersten Weltkrieg verschwunden ist. Dass die Reisen des Schiffs am Riff vor Kalkan geendet haben, ist damit sicher, und denkbar ist, dass das von dem alten Mann beobachtete Unglück der Untergang der "Duchess of York" gewesen ist. Am höchsten Punkt des Wracks bei 43 m Jedoch wuchsen die Zweifel daran, ob es sich bei dem tiefer gelegenen Rumpfteil tatsächlich um ein Wrackteil der "Duchess of York" handelt, da dieser viel zu groß für die von Lloyd's angegebenen Maß ist. Die "Duchess" war 101 Fuß lang und hatte 58 BRT, beide Wrackteile zusammen ergäben jedoch eine Länge von über 250 Fuß und etwa 1.000 BRT. Deshalb vermutet man vielfach, dass es sich um die Reste zweier Schiffe handelt und dass die Glocke bei einer Kesselexplosion auf die andere Seite des Riffs geschleudert wurde. Informationen der türkischen Marine besagen, dass an diesem Riff um 1957 auch der türkische Frachter "Sakarya" nach einem Maschinenschaden aufgelaufen und gesunken sei. Die Ladung bestand aus Kohlen und Chromerz. Blick enlang der Reling Es gibt die Vermutung, das Bugteil sei das der "Sakarya", ihr Heck sei abgebrochen und in tieferes Wasser gerutscht, dass dort bis zu 300 m erreicht. Die türkischen Angaben stimmen jedoch nicht mit einem Bericht britischer Taucher überein, die in den Laderäumen Blei gefunden haben. Vergrößert wird das Rätsel noch dadurch, dass die "Duchess" anderen Quellen zufolge 1902 an eine spanische Reederei verkauft wurde, den Namen "Carmen" erhielt und 1919 erneut veräußert wurde. Erst dann sollen sich ihre Spuren verloren haben. Es bleiben damit eine Reihe von Fragezeichen. Fraglos ist die "Dutchess of York" bzw. "Carmen" hier gesunken, und wahrscheinlich handelt es sich bei dem zerschmetterten Wrack in 27 m Tiefe um ihre Überreste. Dies kann aber kaum 1916 geschehen sein, da sie 1919 verkauft wurde und also spätestens dann gesunken sein kann. Entweder hat sich der Zeuge geirrt, oder es handelt sich um ein drittes Schiff. Die altertümliche Bauweise des Bugteils würde eher zu einem um 1916 gesunkenen Schiff passen als zu einem Wrack von 1957 - denkbar ist also auch, dass es sich hier um ein unbekanntes Wrack von 1916 handelt und die "Sakarya" in der Tiefe verschwunden bzw. noch nicht entdeckt wurde. Vielleicht können weitere Tauchgänge und Nachforschungen dieses Rätsel klären.

Festmachepoller am DeckDas Wrackteil im Flachwasser haben wir lediglich beim Austauchen von oben betrachtet - ein eigener Tauchgang dafür lohnt sich nicht gerade, denn viel hat sich hier nicht erhalten. Wir konnten uns von der Oberfläche einen guten Eindruck verschaffen. Man sieht nur noch den Schiffsboden mit dem Kiel, aus dem seitlich die Spanten maximal 1 m herausragen, und darauf liegen in Haufen die Kohlen, die einst die Fracht bildeten. Von Aufbauten ist nichts mehr zu erkennen. Für einen Besuch am tiefen Wrackteil sollte man über eine gewisse Taucherfahrung verfügen; notwendig sind auch eine gute Tauchgangsplanung, klare Absprachen für die Tauchgangsführung und die Zuordnung. Angesichts der Tiefe bewegt man sich hier an den Grenzen des Tauchens mit Druckluft. Bewuchs im Laderaum Vom Boot, das über dem Riffplateau ankerte, tauchten wir zum Riff, wo sich ein gerader Graben findet, der sich an der Kante zu einem kleinen Canyon weitet. Unsere Gruppe folgte den Luftblasen der Vorgängergruppe in etwa 15-20 m Tiefe in das blaue Wasser hinaus. Unter uns erkannten wir in auf der schnell abfallenden Riffwand in etwa 30 m Tiefe ein großes, sicher 5 x 5 m großes Stück Bordwand, offenbar noch mit Reling, das uns zeigte, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Kurz darauf war das Riff nicht mehr zu erkennen, und wir schwebten im Blauwasser. Bald sahen wir unter uns den dunklen Schatten des Wracks und ließen uns herabsinken. Das Oberdeck mit einer Ladeluke und einer stark verkrusteten Winsch (Foto: Klaus Hirsch)Bei 43 m erreichten wir die höchste Stelle - den Punkt, an dem die linke Bordwand und das Deck zusammenstoßen. Bei dem klaren Wasser bot das Wrack einen phantastischen Anblick. Es scheint wie mit einem Riesenmesser auseinandergeschnitten zu sein, so glatt ist die Abbruchkante. Deutlich erkannten wir die beiden Ladedecks, und durch das teilweise zerstörte Oberdeck fielen Strahlen blauen Lichts in das Zwischendeck. Fast zum Greifen nah, doch rmindestens 20 m tiefer sahen wir Kohle- oder Erzbrocken im Laderaum liegen. Ein Stück Bordwand des Wracks.Da verabredet gewesen war, innerhalb der Nullzeit zu bleiben bzw. dann wieder zum Riff zu tauchen, wenn sie beim ersten unserer Fünfergruppe zuende ginge, hatten wir nicht viel Zeit, etwa 5 Min. vielleicht. Ich schwamm zu einem Doppelpoller, der auf dem Deck befestigt war, warf einen kurzen Blick auf zwei nebeneinander liegende Bullaugen (später hörte ich, dass in einem regelmäßig eine große Muräne abzutreffen ist) und unternahm eine kleine Exkursion unter die Abbruchkante der Bordwand, immer ein Auge auf dem Tiefenmeter, der hier 48 m anzeigte, und auf meinen Buddy Klaus. Es gehört hier eine ganz ordentliche Selbstdisziplin dazu, nicht tiefer zu gehen als verabredet, denn die Versuchung zwickt gehörig. Ausser einem leicht euphorischen Gefühl, dass aber auch einfach durch die von diesem beeindruckenden Wrack ausgehende Faszination ausgelöst worden sein kann, haben wir vom Tiefenrausch nichts gemerkt. Nach leider viel zu kurzer Zeit kam das Signal zum Aufbruch, und mit einem leisen Bedauern schwammen wir zur Riffwand und stiegen dort an der mit Amphorentrümmern dekorierten Riffwand in den Flachbereich auf. Unsere Austauchzeit verbrachten wir am Kamm des Riffes, der ebenfalls manches zu bieten hat - Bernsteinmakrelen und Barrakudas ziehen darüber hinweg, Schwärme von Mönchsfischen tummeln sich im klaren Wasser, zwischen den rostigen Wrackteilen sitzen Einsiedlerkrebse und Drachenköpfe. Zwar fanden wir danach, wir hätten uns ruhig mehr Zeit am Wrack lassen und auch etwas Deko in Kauf nehmen können, da dies mangels Strömung und der langen Austauchzeit am Riff unproblematisch gewesen wäre. Trotzdem sagten alle, dass es ein phantastischer Tauchgang war. Und wir haben das Wrack nur "angekratzt" - vielleicht besuchen wir es noch einmal...


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