Die "Dunraven"

Der stark beschädigte Bug der "Dunraven"Die "Dunraven" liefStark bewachsene Trümmer am Bug. im Dezember 1873 auf der Werft von "Mitchell & Company" im nordenglischen Newcastle upon Tyne vom Stapel. Sie hatte einen Eisenrumpf mit Holzdecks, war 80 m lang und 10 m breit, einen Tiefgang von 7,3 m und eine Verdrängung von 1.613 Tonnen. Ihre kohlebetriebene Zweizylinder-Dampfmaschine mit 140 PS konnte sie auf maximal 8 Knoten beschleunigen. Zusätzlich trug sie zwei Masten mit Topsegelschoner-Takelung. Bei günstigen Winden konnte auf diese Weise Kohle gespart werden. Die niedrige Brücke, hinter der sich der Schornstein erhob, lag in der Schiffsmitte.

Die nach einem irischen Adelsgeschlecht benannte "Dunraven" gehörte der Reederei von W. Milburn in London und verkehrte für diese im Linienverkehr zwischen Großbritannien und Bombay, dem heutigen Mumbai in Indien. Im Januar 1876 lief das Schiff mit 25 Besatzungsmitgliedern unter dem Kommando des 27 Jahre alten Kapitäns Edward R. Care zu seiner letzten Reise aus dem Hafen von Liverpool aus. In Bombay löschte sie ihre unter anderem aus Bauholz und Stahlträgern bestehende Fracht und nahm eine Ladung aus "hochwertigem üblichen Frachtgut" (Baumwolle, Hölzer und Gewürze) an Bord. Am 25. April verließ der Frachter Bombay, um sich auf die Rückreise nach Liverpool zu machen. Nach einem Zwischenstopp in Aden (Jemen) zur Aufnahme von Kohle nahm sie Kurs durch das Rote Meer auf Suez.

Die Fahrt verlief ohne Ein Krokodilfisch im Bugbereich. besondere Ereignisse und die "Dunraven" lief bei gutem Wetter und ruhiger See in Richtung Norden - bis zur Nacht des 24. April 1876. Gegen 1:00 Uhr sichtete der Steuermann eine Landmasse, die er für die Insel Shadwan hielt, eine Stunde später glaubte er ein Licht zu sehen, dass er für den Leuchtturm von Ashrafi hielt. Der Kapitän ging in der Annahme, die Einfahrt in die Straße von Gubal (der Eingang in den Golf von Suez) gefunden zu haben, für eine Stunde unter Deck. Tatsächlich war der Frachter jedoch nach rechts von seinem Kurs abgewichen und steuerte auf die Riffe zu, die vor Ras Muhammed an der Südspitze des Sinai liegen.

Durchblick durch die Wrackteile am Bug der "Dunraven".Um 3:50 Uhr sichteten erst der Ausguck und dann der Steuermann eine dunkle Masse voraus, die sie für eine Boje oder ein Boot hielten. Der Steuermann wies den Kapitän nur nebenbei darauf hin, dieser erkannte die Gefahr und befahl, die Maschinen zu stoppen. Doch es war zu spät: Die "Dunraven" lief frontal auf das Riff Sha'ab Mahmoud auf und wurde dabei schwer beschädigt. Die Besatzung versuchte, das leck geschlagene Schiff zu retten, doch gegen 7:00 Uhr erreichte das Wasser den Maschinenraum, womit auch die Lenzpumpen ausfielen. Die "Dunraven" sackte langsam tiefer, und gegen Mittag gab die Besatzung den Kampf auf und verließ das Schiff. Um 16:00 nahm ein einheimischer Segler die Schiffbrüchigen auf, eine Stunde später rutschte die "Dunraven" vom Riff, kenterte und versank in der Tiefe. Drei Tage spätDas Heck mit Schraube und Ruder. er konnten Kapitän Care und seine Männer an Bord der italienischen "Arabia" gehen, die sie nach Suez brachte. Die zur Klärung der Unfallursache einberufene Kommission gab dem Kapitän die Schuld am Verlust seines Schiffes. Er habe sich auf die angeblichen Sichtungen seines Steuermanns verlassen, obwohl diese offensichtlich nicht stimmen konnten. Die Landmasse könne nicht Shadwan gewesen sein, beim angeblichen Leuchtturm müsse es sich tatsächlich um die Lichter eines anderen Schiffes gehandelt haben. Das Seeamtsgericht entzog Care deshalb für ein Jahr die Kapitänslizenz. Die Karriere des Unglückskapitäns endete damit aber nicht, denn bereits 1877 erhielt er wieder ein Schiff. Weitere Unfälle unter seinem Kommando sind nicht bekannt.

Die schön bewachsene Schraube der "Dunraven".Damit fiel die "Dunraven" in Vergessenheit, bis sie 1977 ein deutscher Geologe bei der Suche nach Ölvorkommen entdeckte. Seine Positionsangaben waren jedoch so vage, dass der israelische Tauchbasisleiter Howard Rosenstein - der Sinai war damals von Israel besetzt - das Wrack erst zwei Jahre später lokalisieren konnte. Rosenstein war es auch, der die Geschichte in die Welt setzte, das Wrack habe etwas mit "Lawrence von Arabien" zu tun gehabt und während des Ersten Weltkriegs Gelder zur Finanzierung seines arabischen Aufstands transportiert. Auch von Schätzen an Bord munkelte man. Diese Geschichten dienten natürlich dazu, Interesse an dem damals kaum erschlossenen Tauchgebiet zu wecken und Touristen anzulocken. Eine weitere Legende machte das Wrack zu den Überresten eines sogenannten "Q-Schiffs" (einer U-Boot-Falle). An dieser Geschichte war immerhin so viel dran, dass es Ersten Weltkrieg tatsächlich eine U-Boot-Falle namens "Dunraven" gegeben hatte, die aber 1917 im Ärmelkanal von einem deutschen U-Boot versenkt wurde.

Eine Leiter im Inneren des Wracks.Im Rahmen von DreWeichkorallen am Heck. harbeiten für eine Fernsehserie der BBC ("The World Around Us") gelang es dann schließlich, das Schiff zu identifizieren - u.a. dank Keramikfunden, die den Schiffsnamen zeigten. Seitdem ist die "Dunraven" ein beliebtes Tauchziel, aber nicht so überlaufen wie die "Thistlegorm" oder die Wracks von Sha'ab Abu Nuhas. Wie überall haben leider auch hier Plünderer ihre Spuren hinterlassen und so ziemlich alles weggeschleppt, was man tragen kann. Legenden werden immer noch über sie erzählt - so soll der Kapitän das Schiff auf das Riff gesetzt haben, um sich an seiner untreuen Ehefrau zu rächen. Einer anderen Version zufolge habe er sie sogar ermordet. Die Wirklichkeit ist wohl dem einen oder anderen Tauchguide etwas zu banal...

Das Wrack liegt mit dem Kiel nach oben am Riff. Die flachste Stelle ist der stark beschädigte Bug, der sich bei etwa 17 m Tiefe befindet. Er ist teilweise zusammengebrochen und weist wie der ganze Rumpf einen sehr schönen Bewuchs aus Stein-, Leder- und Weichkorallen auf. Es ist einfach, einen Blick in den höhlenartigen Innenraum zu werfen. Wenn man dem Kiel über den wunderbar mit Steinkorallen bewachsenen Rumpf in Richtung Heck folgt, erkennt man teilweise gar nicht mehr, dass man sich an einem gesunkenen Schiff befindet, so stark sind die Stahlplatten bewachsen.

Ein Rad der Dampfmaschine.Ein markanter und foReste der Maschine.togener Punkt sind dann Schraube und Ruder, beide dicht bewachsen. In diesem Bereich finden sich häufig auch Schwarmfische. Es lohnt sich, zum Grund herunterzuschwimmen und sich ein paar Meter zu entfernen, da man so einen schönen Überblick über das Heck bekommt. Am besten hält man sich dann links. Einige Meter hinter dem Heck, das auf der linken Seite auch einen schönen Weichkorallenbewuchs aufweist, ist ein großer Riss, durch den man gefahrlos in das Schiffsinnere eindringen kann. Wer etwas furchtloser ist - wie mein Buddy Klaus - kann sich bereits durch den Zwischenraum zwischen der Bordwand am Heck und dem Meeresboden quetschen. Gut tarieren sollte man bei solchen Kunststücken allerdings können, sonst hängt man an irgendwelchen Eisenträgern fest oder wirbelt eine Sedimentwolke auf.

Der große, höhlenartige Raum kann gefahrlos betaucht werden. Durch die Risse im Rumpf flutet blaues Licht in das Halbdunkel, so dass eine Atmosphäre fast wie in einer Kirche entsteht. zwischen Trümmern schwimmen Beilbauchfische, Großaugenbarsche und andere Schwarmfische. Auf dem Boden lassen sich die verschiedenen Teile der Maschine wie Pleuelstangen, Rohrleitungen, Kolben oder eine Leiter erkennen. Vor einem liegen die beiden Kessel, und wenn man den Weg über den linken Kessel wählt, kommt man durch einen weiteren Riss im Rumpf wieder bequem hinaus. Am Ausgang gibt es noch eine schöne rote Gorgonie zu bewundern. Wenn man noch etwas Nullzeit hat, lohnt es sich, das Trümmerfeld links des Rumpfes zu erforschen - hier finden sich die Reste des Schornsteins und die beiden beim Sinken abgeknickten Masten.

Riss Mittschiffs mit Roter Gorgonie.An meinen ersten TauchTeile der Maschine im Inneren. gang an der "Dunraven", der auch schon über 10 Jahre her ist, habe ich keine besonderen Erinnerungen, da wir damals nicht in das Innere hineingetaucht sind. Doch den zweiten Versuch 2008 fand ich sehr gelungen. Schon oberhalb des Bugs stießen wir auf einen Halbmond-Kaiserfisch und eine große Muräne, das Wrack selbst begeisterte uns mit seinem Bewuchs, einem großen Fischreichtum - u.a. Krokodilfische, Großaugenbarsche, Schnapper und Füsilierfische - und seinen fotogenen Durchblicken im Rumpf. Das einzige Problem war, dass durch das lange Herumstöbern im Rumpf unversehends die Nullzeit zu Ende war! Ich wartete dann doch etwas ungeduldig auf meinen Buddy, der gar nicht mehr aufhörte, die geduldigen Bewohner des Maschinenraums mit seiner Kamera hin- und herzujagen.

Fazit: Die "Dunraven" wirkt auf den ersten Blick langweilig, ist aber mit ihrem tollen Bewuchs und der Möglichkeit, gefahrlos in das Innere einzudringen, eines der schönsten Wracks des Roten Meeres. Darüber hinaus ist sie sehr alt und auf ihre Weise auch ein technisches Denkmal, dass man auch nicht allzu oft zu sehen bekommt.


Weiter Zur Übersicht Vor