Die "Kjelløy"

Brücke mit Taucher im Gegenlicht. Foto: Ade GeroldDie "Kjelløy" bildet zusammen mit dem kleineren Frachter "Bjarte" einen Tauchplatz, der als "Townwreck" oder "Byvrak" bekannt ist. Wrackfans kommen hier absolut auf ihre Kosten, denn es gibt direkt nebeneinander zwei gut erhaltene und schön bewachsene Wracks in moderaterTiefe.

Rolle des am Heck befindlichen Krans.Die "Kjelløy", ein etwa 40 m langer, typischer Küstenfrachter mit zwei Laderäumen vor der Brücke, gehörte der lokalen Reederei Sjuve Shipping, deren Eigentümer Tom Sjuve war. Nach dem Ende ihrer aktiven Zeit lagen sie zunächst im KMV-Hafen von Kristiansand, um dort auf die Fahrt in die Abwrackwerft zu warten. Da dies dauerte, ließ die Hafenmeisterei die beiden Schiffe in die Kongsgårdsbukta verlegen, wo sie schließlich vor Anker liegend sanken. Gerüchten zufolge war es kein Zufall, sondern Absicht. Der Besitzer der Reederei soll sich in finanziellen Nöten befunden haben, weshalb das Versenken der beiden nicht mehr seetauglichen Schiffe die billigste Methode gewesen sein dürfte, sie los zu werden. Andererseits findet man an den Wracks noch zahlreiche Ausrüstungsteile wie Winschen usw., die sicher noch verwertbar gewesen Mit Seescheiden bewachsener Stahlträger.wären. Vielleicht war der Untergang also doch eine Folge von Vernachlässigung, schlechtem Wetter oder anderen Faktoren...

Die beiden Wracks liegen direkt nebenenander unterhalb einer Felswand vor dem linken Ende der Hafenanlage in der Kongsgårdsbukta. Wie wir gehört haben, kann es sein, dass sie in den nächsten Jahren irgendwann einmal abgeräumt werden, weil es Pläne gibt, die Hafenanlage auszubauen. Das Heck des Wracks. Dies wäre sehr bedauerlich, da dem ein wirklich schöner - und im Gegensatz zu vielen anderen auch anfängertauglicher - Wracktauchplatz zum Opfer fallen würde. Also: Taucht dort, solange es noch möglich ist!

Die "Kjelløy" liegt in maximal 16 m Tiefe auf ihrer Steuerbordseite, die Brücke reicht bis 8 m hinauf. Sie ist nicht nur das größere, sondern auch zweifellos das bei weitem interessantere der beiden Wracks. Der Bewuchs ist wirklich beeindruckend - man sieht gelbe und weiße Totemannshände, leuchtend rote Seescheiden, Seesterne, Algen und auch einige Fische. Der Tauchgang beginnt an der Brücke, wo das Ankerseil befestigt ist. Diese muss aus einer Art Leichtbauweise bestanden haben, denn obwohl das Schiff ansonsten gut erhalten ist, hat sich hier nur ein dicht bewachsenes Skelett aus Stahlröhren erhalten. Kurbel im Bugbereich des Wracks. Es ist gar nicht so einfach, aus diesen Trümmern noch abzulesen, was für eine Funktion sie mal hatten. Man kann sich vorstellen, dass dieser flach gelegene Teil der "Kjelløy" dem Wellengang besonders ausgesetzt war und deshalb auch stärker in Mitleidenschaft gezogen worden ist als die tiefer gelegenen Teile. Im Gegenlicht ergeben sich hier wunderschöne Lichteffekte.Totemannshand auf einem Wrackteil. Das schönste Bild dieser Art (ganz oben links) stammt von Ade Gerold, der es dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat.

Direkt hinter diesen Überresten ist noch der Stumpf des Schornsteins zu erkennen, und dahinter ist man schnell am Heck angelangt. Taucht man am Grund entlang, sieht man nicht nur verschiedene Ausrüstungsgegenstände wie Winschen und einen noch am Schiff hängenden Kran, sondern auch eine große Waage, wie man sie in etwas altmodischen Lebensmittelgeschäften gelegentlich noch zu sehen bekommt . Ob sie sich auf dem Schiff befand oder nicht eher von jemandem über Bord entsorgt wurde, muss offen bleiben. Taucht man um das runde Heck herum, findet man die Schraube, die erstaunlicherweise noch nicht geborgen wurde. So gibt sie ein schönes Fotomotiv ab, wenn nicht zuvor ein anderer Taucher - wie mir geschehen - zu viel Blick in den vordersten Laderaum.Schlamm aufgewirbelt hat.

Auf keinen Fall sollte man es versäumen, die scheinbar langweiligen Bordwände zu betrachten, den sie sind wunderbar bewachsen, vor allem mit leuchtend roten Seescheiden und gelben oder weißen Totemannshänden. Kabeltrommel mit Seestern auf dem Deck. Taucht man an der Außenseite der "Kjelløy" zurück - man bewegt sich hier etwa auf der Höhe des Kiels -, dann lohnt sich ein Abstecher zur "Bjarte", deren Schatten man bereits sehen kann. Sie ist zwar kleiner und nicht so interessant, aber da die Luft in dieser Tiefe kein nennenswert begrenzender Faktor ist (da schon eher die Kälte), kann man sich einen Besuch leisten.

Vom Bug dieses "kleinen Bruders" findet man die "Kjelløy" problemlos wieder. Um die Bugspitze herum, wo wir vergeblich nach dem Schiffsnamen gesucht haben, gelangt man an das schrägliegende Deck. Hier gibt es eine malerisch bewachsene Reling, ebenso dekorierte Festmachepoller, allerlei Ausrüstung wie noch mit Seilen versehene Winschen und die beiden vorderen Laderäume, deren Abdeckungen fehlen.

Aufbauten im Gegenlicht.Zwar sieht hier alles noch relativ robust aus, aber von der Leiterin unserer Tauchbasis waren wir nachdrücklich gewarnt worden, in das Wrack einzudringen, weshalb ich schweren Herzens verzichtete und nur mal kurz den Kopf hineinsteckte. Einige Flossenschläge weiter erreicht man dan wieder die Brücke, wo man in aller Ruhe austauchen und das Spiel des Sonnenlichts in den Trümmern genießen kann.

Poller am Bug.Fazit: Für Taucher, insbesondere wenn sie fotografieren, ist dieses Wrack absolute Klasse. Die "Kjelløy" ist groß genug, um interessant zu sein und zahlreiche Details aufzuweisen, und so klein, dass sie übersichtlich bleibt. Auch ein Eindringen sollte mit etwas Vorsicht prinzipiell möglich sein. Durch die geringe Tiefe kommt noch viel Sonnenlicht hinunter und erlaubt einem auch Mischlichtaufnahmen, was bei tiefer liegenden Wracks wie der "Seattle" - zumindest bei uns - nicht mehr der Fall war. Hinzu kommt ein ausgesprochen schöner und farbenprächtiger Bewuchs, von dem insbesondere die Seescheiden und Totemannshände, im Flachbereich auch die langen Algenbärte an den Resten der Brücke Hervorhebung verdienen. Fische haben wir nicht mehr so viele gesehen, aber das lag vielleicht daran, dass vor uns bereits eine Tauchergruppe am Wrack gewesen ist. Es ist erstaunlich, dass dieser Tauchplatz, der ja auch noch ein zweites Wrack zu bieten hat, relativ unbekannt ist und auf den einschlägigen Internetseiten kaum erwähnt wird. Es wäre wirklich bedauerlich, wenn die "Kjelløy" tatsächlich den erwähnten Plänen zum Opfer fallen würde!


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