Die "Thistlegorm"

Die riesige Schraube Der 126 m lange britische Frachter "Thistlegorm" lief im April 1940 im nordenglischen Sunderland vom Stapel. Im September 1941 hatte er sich in Aden mit anderen Schiffen zu einem unter anderem durch den Kreuzer HMS "Carlisle" geschützten Konvoi formiert. Flakgeschütz am HeckDas Schiff hatte eine große Ladung Waffen und Munition sowie zwei Dampflokomotiven und mehreren Waggons für die gegen Rommels Afrikakorps kämpfende britische 8. Armee im Bauch. Das Material war für die Operation "Crusader" vorgesehen, eine britische Großoffensive, die die Deutschen in Richtung Lybien zurückwerfen sollte. Da die Einfahrt in den Suezklanal durch ein Wrack blockiert war, mußte der Konvoi auf einem Ankerplatz am Riff Sha'ab Ali auf die Freigabe der Route warten.

Dort wurden die Schiffe in der Nacht des 6. Oktober 1941 von zwei auf Kreta stationierten deutschen Heinkel He-111-Bombern überrascht,Dichter Bewuchs am Flakgeschütz die eigentlich das als Truppentransporter eingesetzte Passagierschiff "Queen Mary" versenken sollten. Einer der Piloten attackierte die "Thistlegorm". Eine Bombe traf den hinteren Teil des Frachters und brachte einen Teil der Munitionsfracht zur Explosion, so dass das Schiff förmlich auseinandergerissen wurde. Glühende Trümmer flogen über hunderte Meter und beschädigten andere Schiffe des Konvois. Glasfische im HeckBeim Untergang des Schiffs kamen neun Mann der Besatzung ums Leben. Der angreifende Bomber wurde allerdings ebenfalls abgeschossen und der Erzählung eines Tauchguides zufolge vor einigen Jahren in einer Tiefe von 50-60 Metern entdeckt. Die andere Maschine ereilte dasselbe Schicksal über dem ägyptischen Festland. Die Besatzungen konnten sich retten und wurden mit dem Schiff in die Kriegsgefangenschaft nach Australien gebracht, dem der Angriff eigentlich gegolten hatte: der "Queen Mary". Ironie des Schicksals...

1956 wurde die "Thistlegorm" durch den französischen Tauchpionier Jacques Cousteau entdeckt. Ein interessanter Bericht darüber ist in dem Buch "Die schweigende Welt" enthalten. Cousteaus Leute bargen bei dieser Gelegenheit den Tresor des Kapitäns, in dem aber zu ihrer großen Enttäuschung und Cousteaus Schadenfreude ausser vergammelten Papieren nichts zu finden war. Blick am Rumpf entlangDanach geriet das Wrack wieder in Vergessenheit und wurde erst 1991 durch eine Gruppe deutscher Sporttaucher wieder entdeckt. Seitdem ist es das wohl populärste Wrack im Roten Meer. Das Schiff liegt auf ebenem Kiel in 30 m Tiefe auf dem Grund. Man kann es schon von der Oberfläche aus in der Tiefe erkennen. Die relingDas Heck ist abgesprengt und liegt mit einer Neigung von etwa 45 Grad auf dem Grund. Es ist durch den Bombentreffer stark beschädigt, trägt aber immer noch eine schön bewachsene Fla-Kanone und ein weiteres mittelkalibriges Geschütz mit Schutzschild für die Kanoniere. Ruder und Schraube sind mit ihrer Größe recht beeindruckend. Im Inneren des Heckteils findet sich ein enorm großer Schwarm Glasbarsche. Interessant ist auch das Trümmerfeld zwischen beiden Schiffsteilen; hier finden sich Reste von Bedford-Lastwagen, kleine Schützenpanzer vom Typ "Bren Gun Carrier" und Granaten aller Größen , darunter einige riesige Exemplare, die für Schiffsgeschütze mit enormen Kalibern (evtl. 38 oder 42 cm) bestimmt zu sein scheinen. Teilweise stecken sie noch in ihren Kisten. In der Nähe steht eine beschädigte Dampflok auf dem Meeresgrund.

Ankerwinde Beim Weiterschwimmen erreicht man am besser erhaltenen vorderen Teil zunächst den von der Explosion umgewalzten Schornstein und recht ramponierte Brücke, in der inzwischen alles abgeschraubt wurde, was nicht niet- und nagelfest ist. In der Decke sind mehrere Löcher. LKW-LenkradAuf dem Deck stehen noch mehrere Eisenbahnwaggons, durch deren Gewicht sich das Deck mittlerweile stark durchgebogen hat. Auf dem Deck sind auch zwei torpedoartige Geräte befestigt, die möglicherweise dem Abtrennen von Ankertauminen gedient haben. Man kann problemlos in die Ladeluken hineintauchen und die Fracht besichtigen. Auf dem obersten Frachtdeck stehen BSA-Motorräder und Bedford-Lastwagen, des weiteren finden sich noch verpackte Lee-Enfield-Karabiner, Stahlhelme, Gummistiefel, Granaten und vieles andere. Völlig unbeschädigt und einen Besuch wert ist der Bug des Schiffs mit der Ankerwinde.

Motorrad im LaderaumObwohl die "Thistlegorm" zweifellos eines der interessantesten Wracks des Roten Meeres ist, sind mir die beiden Tauchgänge dort nicht unbedingt als reines Vergnügen in Erinnerung geblieben. Das fing mit dem Boot an, dessen Zustand die gesamte Tour zum "Wrack-Tauchen" machte. Umgekippter PanzerDer Kompressor könnte durchaus aus dem Laderaum der "Thistlegorm" stammen - die Rostspuren, die mein Anzug davontrug, als ich mich mal unvorsichtigerweise dagegen lehnte, waren noch mehrere Jahre später zu sehen. Das der Kapitän abends in aller Geruhsamkeit sein Haschpfeifchen rauchte, wollen wir ihm angesichts seiner unbestreitbaren Navigationskünste (warum er einen Kompass hatte, weiss ich wirklich nicht) nicht ankreiden, zumal er auch eine ausgesprochen nette und hilfsbereite Crew dabei hatte. Außerdem waren wir dank ihm auch als erste da. Sein Briefing war nicht schlecht, nur auf englisch. Beim Übersetzen für den Rest der Gruppe muss ich unversehens in Chinesisch gefallen sein, denn kaum hatte ich erwähnt, dass wir nicht am blauen Seil am Heck abtauchen sollten, da wir dann bei 50 m auf dem Meeresgrund landen würden, sondern am roten Seil am Bug, begann einer aus unserer Gruppe schon, sich ebendort am Heck herunter zu ziehen. Das war einer jener Momente, wo einfach die Worte fehlen. Zum Glück zerrte ihn sein Buddy wieder hoch. Eisenbahnwaggon auf dem Deck hinter einem OtterVielleicht hätte er ja die Heinkel gefunden? Schon bei dieser Episode war zu merken, dass es starke Strömung gab, weswegen wir uns darauf einigten, den Abstecher zur Lokomotive nicht zu machen. GranatkistenSo ging es brav mit der Hand am Seil hinunter. Da die Sicht recht gut war, konnte man das Wrack schon bald als dunklen Schatten in der Tiefe ausmachen. Beim Tiefersinken kristallisieren sich die Details heraus, vor allem die beiden Geschütze, wobei die Flak pietätlos zum Anbinden des Ankerseils genutzt worden war. Wir schauten uns zunächst auf der Heckplattform um, stellten zu unserem Erstaunen fest, dass der Granathülsenauswurf der Flak trotz eines wirklich hübschen Bewuchses noch zu bewegen war, und stöberten einen Zackenbarsch auf, der es sich auf einer Munitionskiste bequem gemacht hatte. Nach einem Blick hinter den Schutzschild des zweiten Geschützes ging es hinunter zum Ruder. Die Schraube fanden wir ziemlich imponierend, denn man merkt an deren Größe so richtig, mit was für einem riesigen Schiff man es hier zu tun hat. Wir tauchten dann entlang der Reling zur Abbruchkante und warfen ein paar Blicke in das Innere. Im Licht unserer Lampen funkelte ein riesiger Schwarm Glasfische wie ein Silberschatz - einer der faszinierendsten Anblicke, den man in einem Wrack erleben kann. Interessant war dann auch das "Herumstöbern" im Trümmerfeld zwischen den beiden Wrackteilen. Es war spannend, herauszufinden, was sich hinter diesen kalk- und korallenverkrusteten Strukturen versteckt. War das das Chassis eines LKWs? Fledermausfisch über dem WrackUnd hier, diese unförmige große Kiste, da waren doch Ketten zu erkennen - also muss es sich um einen Schützenpanzer handeln. Von den überall herumliegenden Granaten hielten wir aber respektvoll Abstand. Besonders imponierend fanden wir die riesigen Schiffsgranaten mit Kalibern um 38 cm, die übermannshoch waren. Wenig beruhigend war der Anblick eines Menschen mit offensichtlich etwas merkwürdigen Vorlieben, der geschäftig an einer 15 cm-Granate herumklopfte. Der umgerissene SchornsteinSchließlich mahnte ein Blick auf den Finimeter zur Rückkehr, wir bummelten wieder entlang der Reling zurück zur Leine und bemerkten diesmal auch die zahlreichen Fische, die sich im "Luftraum" über dem Wrack aufhielten, so einen Makrelenschwarm und einen Fledermausfisch, der freundlicherweise direkt vor die Kamera schwamm.

Der zweite Tauchgang führte uns dann zum Bugteil mit seinen Laderäumen. Wieder ging es hinunter zur Flak, von dort aus dann ohne großen Aufenthalt weiter über das Trümmerfeld zum Hauptteil des Wracks. Wir warfen einen Blick auf die Reste des von der Explosion umgewalzten Schornsteins und schwammen dann zur Brücke weiter. Blick in die BrückeSeitdem Cousteaus Leute hier waren, ist natürlich alles weggeschleppt worden, was nicht niet- und nagelfest ist, aber schön ist es hier trotzdem; durch die aufgerissene Decke fiel leuchtend blaues Licht von oben in den halbdunklen Raum hinein. Weiter ging es wieder entlang des Decks, wo nun neben den beiden vordersten Ladeluken jeweils links und rechts je ein Eisenbahnwaggon steht. Wir tauchten dann in den vordersten Laderaum hinein und schauten uns einige der auf dem obersten Ladedeck stehenden Lastwagen und Motorräder an. Eines der Motorräder von vornIch war ganz zufrieden mit mir, dass es mir gelang, mich in die Fahrerkabine eines Lastwagens zu schlängeln und dort eine Aufnahme zu machen, ohne Sediment aufzuwirbeln. Unangenehm fiel uns beiden allerdings auf, wie stark sich das Deck unter dem Gewicht der Waggons schon nach unten gebogen hat. Der Gedanke, dass das irgendwann mal zusammenbrechen wird, ist da recht naheliegend und nicht wirklich beruhigend. Wir wollten uns dann eine Ebene tiefer weiter umschauen, als es auf einmal dunkel wurde. Bevor ich recht verstand, was los war, schlug mir jemand mit einem kräftigen Flossenschlag den Automaten aus dem Mund, und einen Augenblick später bekam auch meine Kamera einen Hieb ab. Der Übeltäter schien sich jedoch seiner Taten nicht sonderlich zu schämen, denn ich wurde lediglich mit einem hilflosen Grinsen bedacht. Um uns herrum blubberte und sprudelte es nur noch, als eine Gruppe von etwa 20 Tauchern geradezu in den Laderaum fielen. Sicher tue ich ihnen kein Unrecht, wenn ich behaupte, dass nicht alle von ihnen des Tarierens so recht mächtig waren, da sie herunterkamen wie Steine und man man überall hektische Flossenschläge sah. Da sie sich trotzdem in die Laderäume stürzten, als ob dort Gold versteckt sei, war die Sicht mit einem Schlag erheblich schlechter. Da Klaus ebenfalls ein paar Hiebe abbekommen hatte, verständigten wir uns mit einem Blick und räumten das Feld. Ein paar Flossenschläge weiter waren wir wieder allein und konnten auf dem Bug in aller Ruhe die Ankerwinde bewundern, um die herum es von Fahnenbarschen wimmelte. Sie waren wohl auch vertrieben worden, denn bei den Laderäumen sah man kaum mehr welche. Nachdem wir uns hier ein wenig umgesehen hatten, machten wir uns wieder auf den Rückweg. Die Hoffnung, noch einmal einen unbehelligten Abstecher in einen der Laderäume zu machen, zerschlug sich schnell, da es aus allen Löchern blubberte wie in einem Whirlpool. Mein Buddy Klaus und ich verstanden uns wie oft ohne Worte und schwammen auf dem schnellsten Weg zum Heck zurück, an dem wir auf einmal wieder fast alleine mit zahlreichen Fischen waren. Wir bewunderten die farbenprächtigen Weichkorallen an der Reling, es wimmelte von Fahnenbarschen, die Glasfische im Inneren sahen wir auch wieder, ebenso einen Zackenbarsch, Makrelen, Fledermausfische... Kurz gesagt, wir genossen noch ein wenig "splendid isolation" an einem Wrack(teil) für uns allein, während es ein paar Meter weiter zuging wie beim Sommerschlussverkauf. Erst nachdem die Flasche so weit wie möglich leer gemacht war, zogen wir uns wieder am Seil hinauf, und unterwegs genossen wir noch einige Blicke auf die großen Schwärme, die über dem Wrack stehen - auch eine Gruppe Barrakudas war im sonnendurchfluteten Blau auszumachen. Und dann waren wir auch schon wieder auf unserem Wrack über Wasser angekommen, wo uns unsere Crew aus dem Wasser hievte. Etwas nachdenklich waren wir trotz allem Schönen und Faszinierenden. Anfänger, die offensichtlich nicht einmal richtig tarieren können, hier "abzuwerfen", schien uns doch etwas gewagt. Wieviel Unfälle es hier wohl gibt? Darüber erfährt man nichts in den Hochglanzzeitschriften...


Weiter Zur Übersicht Zurück